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Oper 1984
«Fastnachtsbeichte» und «Carmen» - Wiesbaden
Wolf-Eberhard von Lewinski
Eine Erweiterung des Repertoires durch ein publikumswirksames, aber nicht zu Konzessionen neigendes Werk und ein Interpretations-Glücksfall eines Repertoire-Standard-Stückes haften als sozusagen dramaturgisch entscheidende Höhepunkte einer Saison: Giselher Klebers «Fastnachtsbeichte» und Bizets «Carmen», das eine in einer zudem beispielhaften Inszenierung von Kurt Horres beim Staatstheater Darmstadt, das andere beim Opernhaus Zürich während eines Gastspieles (in Wiesbaden) mit einer vorbildlichen Aufführung. 
(gekürzt um Anschnitt über «Fastnachtsbeichte»)
Bei Jean-Pierre Ponnelles «Carmen»-Inszenierung saß jede Pointe. Man kennt seine Bizet-Version, doch die für Zürich ist gesteigert in ein sich nie verselbständigendes Detail hinein, gescheit und geschickt im Dramaturgischen gefügt, so elementar konzipiert, daß man die Balance von Vitalität und Intelligenz nur bewundern konnte. Die Wahl der französischen Sprache und der Dialog-Fassung Oesers kam hinzu. Nur ein Moment sei herausgegriffen: wie Ponnelle in der Schenke einen immer wilder werdenden Tanz aufdröselte, von Apathie bis zur Ekstase hochgezwungen, das wirkte erregend wie wenig am heutigen Operntheater. Wohltuend für sich das handwerklich Gekonnte dieser Inzenierung, die Plastizität der Phantasie. Da geben sich einige Regisseure «modern» und erreichen nicht annähernd soviel moderne Wirkung wie hier Ponnelle, der schließlich auch kein Postkarten-Spanien geboten hatte, sondern «kritische» Bilder.

Eine bessere Carmen als sie Agnes Baltsa heute auf die Bühne bringt, läßt sich nicht vorstellen. Sie hat nicht nur die dunklen wie drastischen Farben in der Stimme, sondern auch den vehementen Ausdruck parat. Sie spielt mit einer Leidenschaftlichkeit, die wenige «Stars» sonst aufbringen. Was an Verführungskunst, was an Verachtung ein Weib äußern kann, erfährt man bei ihr, gesanglich auf hoher Kunstebene, mühelos, faszinierend.

Nicht minder glaubwürdig, feinfühlig und ergreifend der José des José Carreras anfangs ein schüchtern-netter Junge, dann der ausweglos Liebende, schließlich der verzweifelt Gefangene seiner Liebe, bis zur Besinnungslosigkeit von dieser Carmen gereizt. Der schöne Tenor macht die Wandlungen mit. Reicher, wahrhaftiger, französischer kann man das nicht singen. Da stand kein Opernheld auf der Bühne, sondern ein Mensch wie du und ich, schauspielerisch perfekt, immer unaufdringlich, mit wenig Mitteln viel erzielend.

Beatrice Haldas hat als Micaela herrliche Augenblicke einer lyrischen Intensität. Robert Hale ist ein imponierend kerniger, stimmlich souveräner Escamillo, József Dene, der für viele in kleinen Rollen stellvertretend genannt sei, ein aufregender Zuniga, dramaturgisch wesentlich aufgewertet. Der Chor sang und spielte großartig, das Orchester ließ seinerseits Mittelmeer-Luft ahnen. Ralf Weikert dirigierte erstmals in seiner neuen Fuktion als Chef der Züricher Oper traumwandlerisch zuverlässig, begleitend und doch die Zügel nie aus der Hand gebend. So ließ sich ein nicht ganz neues Werk wieder mit innerer Anteilnahme hören. So sollte es eigentlich immer sein.